Die Wächterin der Nacht

Treffpunkt an der gotischen Rathauslaube in Minden. Die Kirchturmuhr schlägt acht. Eine Frau im dunklen Kutschermantel und mit Schlapphut taucht aus der schwarzen Nacht auf, in der einen Hand eine Laterne, in der anderen eine Hellebarde.

 

"Hört Ihr Leut' und lasst Euch sagen: Unsere Uhr hat acht geschlagen." Jeden Donnerstag lädt Helga Simon ihre Gäste zum nächtlichen Rundgang durch die Mindener Altstadt ein. Die 67-Jährige macht das schon seit zehn Jahren. Heute sind es zwölf Gäste, die sie begleiten wollen. Mindener sind dabei, aber auch einige, die extra angereist sind. Hier am Rathaus, mit Blick auf den prächtigen Dom, beginnt Helga Simon mit ihrer tiefen, rauen Stimme von den Anfängen der Weserstadt vor über 1.200 Jahren zu erzählen. Bald merken die Gäste, dass dies keine gewöhnliche Stadtführung wird. Wenige Jahreszahlen kommen vor, Helga Simon macht das Mittelalter mit kleinen Geschichten aus der Sicht des Nachtwächters lebendig, schmiedet sie in Versform. "Wilde Tiere, Nachtgespenster, wenn der Diebstahl schleicht durchs Fenster, hört man des Wächters Horn vom Platz - sind sicher Mann und Maus und Katz!"

Mittelalter wird lebendig

Spät am Abend wird sie erzählen, wie man heutzutage Nachtwächter wird. Sie bewarb sich nach ihrer Pensionierung als Lehrerin für ein Seminar der Nachtwächter- und Türmerzunft. Stellenausschreibung: kräftige Singstimme, theatralische Begabung, Lust am Verse schmieden. Ja, das alles hat diese Frau weiß Gott. Sie war die Beste des Kurses. Etwa 120 Nachtwächter und Türmer sind in Deutschland unterwegs. Frauen sind in diesem klassischen Männerberuf vergangener Zeiten eher noch die Ausnahme, aber schwer im Kommen.
Vom Rathaus führt der Weg der Nachtwächterin über den Marktplatz mit seinem einmaligen Ensemble von historischen Gebäuden. Sie sind in malerisches fahles Licht getaucht. Bei jedem Schritt kracht die langstielige Hellebarde auf den nächtlich ruhigen Platz. Vor dem Hermann-Schmieding-Haus, einem prächtigen Giebelhaus mit filigraner Fassade, erzählt die Nachtwächterin von Ritterturnieren und mittelalterlichen Tänzen. Der Duft ihrer Petroleum-Laterne hängt über der Gruppe. Zwei Mädchen beobachten die Szenerie gebannt. Offensichtlich vergessen sie, was sie ursprünglich vorhatten, und schließen sich dem Rundgang spontan an. Helga Simon führt sie und die anderen jetzt hinauf in die Oberstadt. Martin darf nun die Laterne tragen. In den kopfsteingepflasterten Gassen mit ihren Fachwerkhäusern verbreitet sie ein heimeliges, romantisches Licht.

Am Prangerplatz

Immer wieder bleibt die Nachtwächterin stehen und weist auf Details und Kuriositäten hin, die selbst die Ur-Mindener noch nie wahrgenommen haben. "Obwohl wir doch hier jeden Tag entlang laufen", wie Rainer erstaunt bemerkt. Zum Beispiel am Kaak, dem alten Prangerplatz, wo die Missetäter vier bis sechs Stunden am Eichenbalken ausharren mussten. Die Zeit vergeht wie im Fluge. "Hört Ihr Leut´ und lasst Euch sagen: Unsere Uhr hat zehn geschlagen." An der Mauritiuskirche wartet bereits Schwester Irmgard. Sie lässt die Gruppe noch zu dieser späten Stunde ins Kircheninnere hinein.

Echo der Vergangenheit

Beim Eintreten senkt Helga Simon wie ihre Vorgänger die Hellebarde. Sie führt das Horn zum Mund und stößt kräftig hinein. Ein vielfaches Echo schallt durch das Kirchenschiff. Kalte Schauer jagen einem über den Rücken. "Die alten Wächter drehen ihre Runden, wachsam übers Feuer und das Licht." Diese Runde endet in der "Alten Münze", dem ältesten Steinhaus in Westfalen, das heute eine Gastwirtschaft beherbergt. Alle schwärmen von der faszinierenden nächtlichen Zeitreise in die Vergangenheit. Und Helga Simon schmiedet schon wieder Verse.

Info

Rundgang mit Nachtwächterin Helga Simon, jeden Donnerstag, 20 Uhr, an der Rathauslaube Minden.
Sonderführungen am Heiligen Abend und an Silvester, Winterpause von Januar bis März. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Gruppen nur auf Anmeldung bei Helga Simon:
T 05 71-2 35 69

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