Der Herr der Kräuter
16 Kräuter, Alkohol und Honig. Mehr verrät Ulrich Klinke nicht. Daraus macht er nach einer geheimen Rezeptur das "Wewelsburger Kräuterwohl". Für vier Monate steht die Wewelsburg bei Paderborn mit einer Sonderausstellung im Zeichen der Kräuter.
Menschen mit schütterem Haar, aufgepasst: "Die Asche von einem verbrannten Igel, gemischt mit zerlassenem Pech oder Harz, fördert den Haarwuchs." Nachzulesen ist das martialische Mittel gegen Haarausfall in einem uralten, wunderschön illustrierten Kräuterbuch. Das kostbare Original ist Herzstück der Sonderausstellung "Pflanzenkunde im Mittelalter. Das Kräuterbuch von 1470". Die Ausstellung findet vom 9. April bis 30. Juli 2006 auf der Wewelsburg statt. Deutschlands einzige Dreiecksburg, im Stil der Weserrenaissance vor 400 Jahren erbaut, liegt südwestlich von Paderborn auf einem Bergsporn über dem Almetal: riesengroß und vollständig erhalten. Ulrich Klinke von der "Apotheke zur Residenz" im benachbarten Büren kommt öfter hierher. "Ich besuche hier meine Vorgänger", raunt er vielsagend und steuert schnurstracks auf einen Raum im Obergeschoss des Burgmuseums zu. Hier zeigt Ulrich Klinke auf das kunstvoll verzierte Mobiliar einer Apotheke. Nein, nicht irgendeiner, sondern die frühere Ausstattung seiner "Apotheke zur Residenz", die es schon an die 350 Jahre gibt.
Ein Prosit auf die Kräuter
Zu dieser Zeit haben Apotheker und Ärzte schon sehr viel über Heilkräuter gewusst und mit ihnen ihre Patienten behandelt. Schnee von gestern? Ulrich Klinke widerspricht: "Immer mehr Menschen, gerade auch jüngere, entdecken die uralten Heilkräfte von Kräutern und Pflanzen wieder." Den Augentrost etwa, dessen Name schon alles verrät, oder Huflattich, Johanniskraut, Melisse, Ringelblume. Kräuter, etwa als Tee zubereitet, heilen nicht nur. Sie verbreiten auch Wohlbefinden, entspannen und regen an. Und sie verfeinern Suppen, Salate, Fisch und Fleisch. Ulrich Klinke kann noch mehr. Für die Besucher der Sonderausstellung bereitet er das "Wewelsburger Kräuterwohl" zu. Er kombiniert für das Likörchen die Schärfe von 16 Kräutern wie Angelikasamen, Enzianwurzeln, Kardamomfrüchten und Nelkenblüten mit der Süße des Honigs. Um die Wirksamkeit der Kräuter zu erhöhen, versetzt er sie mit hochprozentigem Alkohol. Schmeckt besonders lecker nach einem guten Essen. Ulrich Klinke schmunzelnd: "Die Leute sagen, dass es auch gegen abstehende Ohren und Schweißfüße hilft." So wie die Igel- Asche eben gegen die Glatze.
"Apotheker", flachst Ulrich Klinke, "sind die größten Drogendealer". Denn Drogen, das ist eigentlich die offizielle Bezeichnung für Kräuter. Die Ausstellung in der Wewelsburg zeigt nicht nur die spannende und lehrreiche Geschichte der Naturheilkunde. Im Südwestturm können sich die Besucher mit den Stempeln mittelalterlicher Pflanzenmotive ihr eigenes Kräuterbuch basteln und eine Seite aus dem Kräuterbuch von 1470 als Puzzle von zwei mal zwei Meter zusammensetzen. Ulrich Klinke freut sich auch schon auf schöne Frühlings- und Sommertage draußen im Burggarten. In einem Kräutergarten werden dort rund 80 Heil-, Nutz- und Duftkräuter kultiviert.
Auf Kräutersuche
Was man im Burgsaal in der "Pflanzenkunde" von 1470 kunstvoll abgebildet sieht, das kann man dann draußen in natura beschnuppern. Und schmecken: Frischer Kräuterquark und herzhaftes Kräuter schmalz werden an Sonn- und Feiertagen im Gartenzelt serviert.
Apotheker Klinke streift häufig rund um die Wewelsburg, sucht in Quellbächen frische Brunnenkresse und in lichten, trockenen Buchenwäldern nach Bärlauch, dem wilden Knofel. Natürlich verrät er "seine" Stellen nicht. Aber alle, die die Ausstellung in der Wewelsburg besuchen, bekommen sicher Lust, selber einmal auf Entdeckungstour zu gehen.
Übrigens, die Jugendherberge in einem der drei Burgflügel gleich nebenan wird als Geheimtipp gehandelt.
