Leitungsbefliegung

Ready for Take-off. Jedes Jahr im Dezember gehen Netztechniker Dieter Brüll und seine Kollegen in die Luft. Sie kontrollieren die Hochspannungsfreileitungen im Netzgebiet von E.ON Westfalen Weser.

 

9.30 Uhr - Treffpunkt Porta Westfalica. In einer halben Stunde beginnt der Inspektionsflug. Die vierköpfige Besatzung: Jürgen Ammon vom Helikopter-Flug-Service HFS wird am Steuerknüppel sitzen, Dieter Brüll und Helmut Koch sind heute die Beobachter, Frank Harland wird alles genau protokollieren. Ammon, der wie viele seiner Kollegen das Fliegen bei der Bundeswehr gelernt hat, ist wettermäßig bereits im Bilde. Sicht, Bewölkung, Wolkenuntergrenze, Windgeschwindigkeit: alles o.k.

Richtige Überflieger

Auf dem Weg zum Hubschrauber erläutert Brüll vom Kompetenzzentrum Netz von E.ON Westfalen Weser in Hameln, warum er und seine Kollegen jedes Jahr 14 Tage lang in die Luft gehen: "Aus der Vogelperspektive sind wir in der Lage, schon die kleinsten Beschädigungen und Verunreinigungen an den Masten und Leitungen zu entdecken. So können wir vorbeugend tätig werden."
Anschnallen, Kopfhörer auf, Mikro an. Ammon lässt den Helikopter warm laufen, der Rotor kreist immer schneller. Dann geht´s senkrecht in die Luft, ab in Richtung Weser. Ein herrlicher Blick auf die Porta Westfalica tut sich auf. Doch die Männer konzentrieren sich auf die Leitungen und Masten. Der Winter ist dafür die beste Zeit: wenig Laub für viel Sicht. Außerdem sind keine Tiere auf den Weiden. "Gerade die Pferde würden bei unserem Niedrigflug richtig verrückt spielen", bemerkt Brüll.

Freiluftfahrstuhl

Ammon nimmt die ersten Masten ins Visier, etwa 40 Meter hoch. Sie können bis zu 93 Meter in den Himmel wachsen. Vorsichtige Annäherung bis auf fünf Meter heran. Nichts für schwache Nerven. Doch der Pilot hat mit seinen 5.000 Flugstunden beruhigend viel Erfahrung. Wie ein Freiluftfahrstuhl sinkt der Helikopter fast bis auf den Boden, dann geht´s wieder langsam hinauf.

Brüll und Koch schauen nach Schmorstellen von Blitzeinschlägen und nehmen auch die roten Flugsicherungsbälle ins Visier. An einem entdecken sie ein paar Einschüsse. Das könnten Schützen gewesen sein, die es auf einen Vogel abgesehen hatten, aber die Leitung getroffen haben. Harland macht einen Eintrag ins Laptop. Mit der Digitalkamera schießt er Fotos. Hier wird eine aufwändige Reparatur fällig, denn das Seil könnte durch die Einschüsse beschädigt worden sein. Und deswegen muss das ganze Seilstück zwischen den Masten heruntergenommen werden.
Weiter geht die Route zwischen Himmel und Erde. "Der Ast dort ist kritisch", sagt Koch. Harland notiert es. Denn näher als drei Meter darf kein Baum an die Leitungen heranwachsen. Von Anfang Februar bis Mitte März wird dann ausgeästet.

Aus heiterem Himmel

Es kommt auch schon mal vor, dass der Hubschrauber aus heiterem Himmel auf einer Baustelle landet, wenn Bagger oder Kräne zu nahe an die Leitungen oder Masten heranzukommen drohen. Dann sehen die Netzfachleute sofort nach dem Rechten. Richtig brenzlige Situationen hat die Besatzung mit der großen Erfahrung noch nicht erlebt. Nur einmal in einem Schneeschauer war die Sicht plötzlich gleich Null. Doch die Notlandung auf einem Acker klappte reibungslos.

Auf Herz und Nieren

Es ist kurz nach 12 Uhr. Zurück in Porta Westfalica. Nach zwei Stunden hoch konzentrierter Arbeit ist eine Pause fällig. Der Tankwagen steht schon bereit. Heute Nachmittag wird es noch einmal in die Luft gehen. Bei der sofortigen Auswertung des Protokolls setzen die Netzpfleger Prioritäten für Reparatur und Wartung. Und arbeiten dann in den nächsten Wochen alles ab. 913 Kilometer Hochspannungsnetz bestens in Schuss: Darauf ist Verlass. Die Sorgfalt der Männer merken die Stromkunden, indem sie nichts merken. Es gibt kaum Stromausfälle im Netzgebiet. Brüll wird heute Abend mit seiner Frau noch eine Runde im Grünen drehen um abzuschalten. Damit er im Traum nicht lauter Leitungen und Masten sieht.

© E.ON Westfalen Weser 2009